Baez, Joan

Freitag abend, 19. August 1969, auf einer Farm in Bethel, 70 Kilometer von Woodstock und 150 Kilometer von New York entfernt. Starker Regen hatte den Boden aufgeweicht, Hunderttausende drängten sich im Matsch vor der Bühne, auf der bekiffte Nobodys improvisierten. Die Zufahrtsstrassen waren verstopft, Bands und Verpflegung mussten per Helikopter eingeflogen werden, die Organisation ein einziger Alptraum. Nichts deutete darauf hin, dass dieses aus den Fugen geratene Sommerfestival Musikgeschichte schreiben würde.

Aber dann, als letztes Konzert des ersten Tages: die damals 28-jährige Sängerin Joan Baez. Nüchtern, klar und konzentriert, das kurze schwarze Haar wie ein Helm, eine zierliche Frau, ganz Stimme. Die schliesslich die Gitarre weglegte und vor der riesigen, gebannten Menge den Gospel Swing Low, Sweet Chariot sang, a cappella und mit einer Intensität, die Löcher in den Cannabisnebel brannte.

1969 in Woodstock, da war Joan Baez bereits ein Star: als Folksängerin, als Kämpferin gegen Diskriminierung, die nur noch an schwarzen Universitäten auftrat, weil es da keine Rassenschranken gab, als Freundin von Bob Dylan, mit dem sie 1963 am legendären Civil Rights March aufgetreten war.

Musikalisch ist ihr Weg ein Mäander – von Lyrik und Folksongs zu Country und Pop –, politisch dagegen ist er gradlinig: Joan Baez, die Sängerin, trat und tritt gegen Rassentrennung an, für die Menschenrechte, gegen den Vietnam- und überhaupt alle Kriege.

Zwei Dinge haben sie dabei ein Leben lang begleitet: ein fürchterliches Lampenfieber – und eine Stimme, ohne die das Chaos von 1969 nicht Woodstock geworden wäre.

Bircher, Maximilian

Maximilian Bircher (1867-1939) ist ein schwieriger Fall. Die einen sehen in dem Zürcher Arzt einen medizinischen Visionär, die anderen einen esoterischen Spinner. Tatsache ist, dass sein wichtigstes Vermächtnis nicht seine Kliniken und Schriften sind, sondern vielmehr «d’Spyys», jene «Speise» aus geriebenen Äpfeln und Haferflocken, die wir heute kurz und bündig «Birchermüesli» nennen.

Und das kam so. 1895 erkrankte Bircher an Gelbsucht. Von der Heilkraft pflanzlicher Rohkost überzeugt, verordnete er sich eine Diät aus Früchten und ungekochtem Gemüse, um an deren «gespeichertem Sonnenlicht» zu gesunden. Rohes, so predigte er, sei Gekochtem vorzuziehen, pflanzliche Nahrung dem Fleisch; Konserven gar, um die Jahrhundertwende Inbegriff der Moderne, waren ihm ein Graus. Seine Predigten, das waren Aufsätze und Zeitschriften, seine Kanzel war seine Zürcher Praxis, die schon bald zu einer kleinen Privatklinik heranwuchs, dann, ab 1904, das Sanatorium «Lebendige Kraft» auf dem Zürichberg.

Die Medizin tat sich schwer mit Bircher. Seine Lehre von der Vollwertkost als «Sonnenlichtnahrung» widersprach dem damaligen Stand der Wissenschaft, und dass er die Gesundheitspolitik der Nationalsozialisten unterstützte – der deutsche Reichsärzteführer Gerhard Wagner bemühte sich gar, Bircher als Professor nach Dresden zu holen –, war seinem Ruf nicht eben zuträglich.

Erfolgreich war Bircher trotzdem. Sein Sanatorium war bald international bekannt; einen Patienten namens Thomas Mann inspirierte das Haus mit seinem streng geregelten Tagesablauf gar zum Roman «Der Zauberberg». Die Klinik gibt es nicht mehr. «D’Spyys» dagegen, dieses Müesli aus Haferflocken, frischen Früchten, Joghurt und Milch, Zitronensaft und Rosinen, ist beliebter denn je.

Butterfield, Stewart

Es war 1999, da hatte der damals 26-jährige Philosoph Stewart Butterfield eine Wut im Bauch. Es war die Zeit, als man die Bytes noch einzeln durch die Leitung rieseln hörte, und Butterfield wartete mal wieder endlos auf das Laden einer Webseite. Ursache der epischen Ladezeiten war die immer schlampigere Internetprogrammierung, die immer schnellere Verbindungen erzwang, die wiederum noch schlampigeres Programmieren zuliessen. Ein Teufelskreis. Also schrieb Butterfield zusammen mit Freund Eric Costello einen Wettbewerb für gute Webseiten aus – welchen Inhalts, war egal. Hauptsache, sie wogen weniger als 5 Kilobytes. Das ist ungefähr die Datenmenge maschinengeschriebenen A4-Seite. Unmöglich? Weit gefehlt: Unter den Einsendungen fanden sich ein funktionsfähiges Schachspiel oder das kleinste Kunstmuseum der Welt.

Drei Jahre später, 2002, folgte Butterfields nächster Streich: ein noch nie dagewesenes Onlinegame, in dem die Spieler virtuelle Landschaften erkunden und miteinander chatten konnten. Das Game war noch in der Testphase, da fiel Butterfield auf, dass die Spieler vor allem eigene Fotos hochluden, um sie anderen zu zeigen. Butterfield roch Lunte, legte das Game auf Eis und entwickelte www.flickr.com. Flickr ist heute die wichtigste Foto-Plattform der Welt, mit mehr als 5 Milliarden hochgeladenen Bildern und Videos.

Nachdem er Flickr für geschätzte 35 Millionen Dollar an Yahoo verkauft hatte, begann sich der Flickr-Chef zu langweilen. Und heute, da Google, Facebook & Co. vollauf damit beschäftigt sind, immer noch grösser zu werden, fängt Butterfield mal wieder von vorn an. Sein liegen gebliebenes Game heisst ironisch «Glitch» – auf Deutsch Fehler oder Panne – und wird demnächst fertig. Vom Programmierer und Philosophen Stewart Butterfield wird noch so einiges zu hören sein.

Cotton, Jerry

Jerry Cotton, pardon: G-man Jerry Cotton ist ein Held, der Held der erfolgreichsten deutschen Krimiserie in deutscher Sprache. Dank ihm wissen wir, dass ein knallroter Jaguar das Ende aller Träume ist, aber dass – Folge «Die letzte Fahrt im Jaguar» – auch ein roter XK 150 ein Ende haben kann. Und nur dank ihm wissen wir, dass G-man amerikanischer Slang ist und FBI-Beamter bedeutet.

Im richtigen Leben hat Jerry Cotton Jahrgang 1954. Da schrieb der damals 31-jährige Waschmittelvertreter Delfried Kaufmann den Groschenroman «Ich suchte den Gangster-Chef», als 68. Folge der Krimireihe des deutschen Bastei-Verlags. Das Heft schlug ein wie eine Kugel aus der Smith & Wesson seines Titelhelden, und zwanzig Hefte später machte Bastei aus Jerry Cotton eine eigenständige Serie. Die Person des Autors Delfried Kaufmann blieb jahrelang streng geheim – der Verlag sprach vage von einem «Waschmittelvertreter Herr K.» –, und vor allem nicht allein: Die Welt wollte Woche für Woche ein neues Jerry-Cotton-Abenteuer sehen, und bis heute haben 100 oder je nach Quelle gar bis zu 180 Autoren nach minuziösen Verlagsvorgaben Jerry Cottons geschrieben – Vorgaben deswegen, weil Jerry nicht jedesmal andere Freunde und Kollegen haben sollte. (Feinde dagegen schon, aber die – das liegt in der Natur des Groschenkrimis – überlebten in der Regel das aktuelle Heft nicht, auf jeden Fall nicht in Freiheit.)

Dem Vertreter Delfried Kaufmann war die Figur eines FBI-Ermittlers auf einem Spaziergang mit seinem Freund, dem Autor Kurt Reis, eingefallen. Ein Held sollte er nicht sein, eher eine Parodie, eine «Juxfigur Jeremias Baumwolle». Der Welt und den Kiosken aber stand der Sinn nicht nach Witz, sondern nach blutigem Ernst. Jerry Cotton Nummer 2690 heisst «Eiskalt und ohne Skrupel». Killerin Hester endet hinter Gittern, und Jerry Cotton, mittlerweile in seinen besten Jahren, bleibt unsterblich.

Diderot, Denis

Denis Diderot war Literat. Philosoph. Universalgelehrter. Doch sein einflussreichstes Medium waren nicht Roman oder Kampfschrift, sondern vielmehr ein Lexikon. So etwas wie die «Encyclopédie» hatte die Welt des Ancien Régime nie gesehen: 17 Bände, 72 000 Artikel über die Wissenschaft, die Künste, die Berufe, über das gesamte Wissen der Zeit. Diderot trug allein 6000 Artikel bei; die restlichen stammen von 142 Wissenschaftlern aus ganz Europa, aber auch von einfachen Berufsleuten wie Buchdruckern oder Uhrmachern.

Die ersten Bände erschienen 1751, und die Leser waren begeistert. Juristen, Ärzte, Beamte, Ingenieure – alle kauften und verschlangen sie die druckfrischen Seiten. Denn die «Encyclopédie» warf ein völlig neues Licht auf die Welt: Wissenschaft statt Glaube, Vernunft statt Hörensagen, Erkenntnis statt Obrigkeitsgläubigkeit: Das war ein Frontalangriff auf das Primat der Kirche und das Gottesgnadentum der Könige. Rasch zog sich Diderot den Zorn der Mächtigen zu. Schon vor Erscheinen der ersten Bände sass er monatelang in Haft. Er wurde vorsichtig und begann, seine radikalen Ansichten in frechen Anmerkungen zu verstecken: Unter «Menschenfresserei» etwa steht der sarkastische Hinweis: «Siehe auch unter Eucharistie, Kommunion, Altar etc.».

Die Enzyklopädie war das Fundament, das den mächtigen Bau der Aufklärung erst möglich machte. Ihr Anspruch war enorm: Sie sollte, so schrieb Diderot unter dem Stichwort «Encyclopédie»,

(…) die auf der Erde verstreuten Kenntnisse sammeln und sie den nach uns kommenden Menschen überliefern, damit unsere Enkel nicht nur gebildeter, sondern auch tugendhafter und glücklicher werden, und damit wir nicht sterben, ohne uns um die Menschheit verdient gemacht zu haben.