Abkupfern

Abkupfern liegt im Trend. Man findet einen klugen Text, markiert ihn mit der Maus, kopieren, einfügen, und zack, schon wird der fremde Gedanke zum eigenen. Copy & Paste lässt Doktorarbeiten, Sachbücher und Romane entstehen, und wird ein Autor beim Klauen ertappt, windet er sich heraus: Alles gar nicht wahr, und ausserdem machen das alle so.

Dabei ist Abkupfern im Grunde eine Kunst. Dank Johannes Gutenberg lassen sich zwar Bücher in Massen herstellen, doch die Inkunabel, wie man das gedruckte Buch aus dem 15. Jahrhundert nennt, muss noch einzeln und von Hand illustriert werden. Oder aber: Ein Kupferstecher muss her. Der kopiert eine Originalzeichnung minutiös, indem er sie in eine wenige Millimeter dicke, glatt polierte Kupferplatte ritzt, mithilfe eines Stichels und seitenverkehrt. Anschliessend wird Platte aufs Papier gepresst, das die in den Rillen haftende Druckfarbe aufnimmt und am Ende eine exakte Kopie wiedergibt. Die Illustration ist damit «abgekupfert».

Das tägliche Brot der Kupferstecher war das Übertragen der Arbeit anderer, und bald einmal standen sie im Ruf, blosse Kopisten zu sein. Die sprichwörtliche Anrede «Mein lieber Freund und Kupferstecher» ist denn auch kumpelhaft-ironisch gemeint – und zuweilen gar abwertend: Nicht selten «vergass» nämlich der Kupferstecher, den Urheber des Originals zu nennen, wie es üblich gewesen wäre, und mit dem Aufkommen gedruckter Banknoten war das Handwerk des Kupferstechers bestens dazu geeignet, Blüten in grosser Zahl herzustellen.

Ob fremde Kunst, fremdes Geld oder fremde Gedanken: Seither ist Abkupfern Falschmünzerei.

Akronym

Die Unicef ist eins, und die GmbH ist auch eins: ein Abkürzungswort, ein so genanntes Akronym – von griechisch ákros, Spitze oder Gipfel, und ónyma, Name. Zugegeben: Das Wort klingt einigermassen abschreckend, aber das tun viele Akronyme schliesslich auch. Die sind, oder vielmehr waren, halbe Romane – wie zum Beispiel United Nations International Children’s Emergency Fund. Wollte man für ein Kinderhilfswerk dieses Namens Geld sammeln, wären die Spender längst über alle Berge, bevor man auch nur das Wort ausgesprochen hätte. Also verkürzt man es auf seine Initialen – und erhält «Unicef».

Akronym
Akronym
Akronyme können sperrig sein wie das UNHCR, das Amt des Hohen Flüchtlingskommissars der Vereinten Nationen, oder schlank wie die UNO selbst. Sobald wir sie aber schreiben wollen, sind sie nur noch sperrig – dann nämlich stehen wir vor der Frage: Wie schreibt man das nun genau? Duden und neue deutsche Rechtschreibung sind da für einmal gar keine Hilfe, denn sie geben keine festen Regeln vor.

Und so schreiben sich Akronyme in aller Regel in Grossbuchstaben – und plärren dann lauthals aus jedem geschriebenen Text heraus. Daher hat sich die Regel eingebürgert, dass man Akronyme bis zu drei Buchstaben immer gross schreibt, mit mehr als drei Buchstaben dagegen – und sofern sie sprechbare Silben bilden – wie ein normales Substantiv. Im Klartext: Unicef schreibt sich demnach in kleinen, UNHCR dagegen in Grossbuchstaben. Aber eben: Wenn’s etwa um die GmbH geht, ist auch diese Regel nur von beschränkter Haftung – G gross, mb klein, H wieder gross.

Und um das Mass voll zu machen, gibt es da auch noch die Akronyme, die gar keine sind: Die Lieblingsabkürzung der Humoristen und der Scheidungsrichter ist Ehe, als Abkürzung für errare humanum est – auf gut Deutsch: irren ist menschlich.

Autor

Inflation ist ein Phänomen, das bisweilen nicht nur die Wirtschaft, sondern auch die Sprache erfasst. Wörter, die einst Grosses ausdrückten, erfreuen sich zunehmender Beliebtheit, bis ihr Gegenstand in der Bedeutungslosigkeit verschwindet.

Ein solches Wort ist «Autor». Damit war, zu den Zeiten eines Marcus Tullius Cicero, der Urheber gemeint, der Verfasser von wirkungsmächtigen Texten. Und was für Texte das waren! Die legendäre Anklageschrift gegen den räuberischen Ex-Prätor von Sizilien etwa, Gaius Verres, der Tempel zu plündern pflegte, um die gestohlenen Kunstwerke dann ungeniert in seinen Villen aufstellen zu lassen. Vor Gericht – und vor allem vor dem wortgewaltigen Ankläger Cicero – hatte der mächtige Verres nicht den Hauch einer Chance: Von zwei verfassten Brandreden brauchte Cicero nur die erste zu halten, da zog es der korrupte Verwalter vor, sang- und klanglos ins Exil zu verschwinden.

Autoren waren Autoritäten – nicht umsonst sind die beiden Wörter eng verwandt: Beide stammen vom lateinischen augere ab, auf Deutsch «vermehren, vergrössern, fördern». Ein auctor im lateinischen Sinn zu sein, verheisst Grösse: «Es ist kein Autor so gering und klein, der nicht dächt‘, etwas Recht’s zu sein», reimte um 1825 Wilhelm Hauff, seines Zeichens ebenfalls Autor. Heute scheint Autorschaft gar eine Art Volkssport zu sein. Leserbriefschreiber sind Autoren, Filmer sind es, Programmierer von Software, Texter von Popsongs, Verfasser von Blogposts, Journalisten bekanntlich sowieso.

Dass ein selbsternannter Autor allein noch keine grossen Werke verspricht, wusste schon der alte Goethe. Nach der Lektüre missglückter Zeilen eines Kollegen dichtete er gehässig in seinen «Zahmen Xenien»:

Mir will das kranke Zeug nicht munden,
Autoren sollten erst gesunden.

Beutelbuch

Es ist stärker als wir: Wir setzen uns hin – im Bus, im Café –, und der erste Handgriff gilt dem Handy. Diese Zwangshandlung ist kein Kind des 21. Jahrhunderts: Tatsächlich ist das Lesen auf die Schnelle seit Jahrhunderten gang und gäbe.

Vom 14. bis ins 16. Jahrhundert machte das sogenannte Beutelbuch das Lesen mobil. Ein Beutel aus feinem Leder oder Samt umhüllte ein Büchlein mit meist religiösem Inhalt – etwa ein Gebets- oder Liederbuch. Dieser Beutel war so lang, dass er sich verknoten und um den Gürtel schlingen liess; der Knoten – manchmal auch ein Haken oder Ring – verhinderte, dass das Buch herausrutschte.

Beutelbücher wurden in Klöstern hergestellt, wo es Buchbindereien gab; erst später schlossen sich weltliche Buchbinder zu Zünften zusammen. Die kleinformatigen Bücher bestanden aus von Hand beschriebenen, gelegentlich gar mit kunstvollen Initialen versehenen Pergamentseiten. Diese wurden mit Nadel und Faden zu einem Buchblock geheftet und mit einem hölzernen Deckel versehen. Darauf folgte der Lederbezug, den man am einen Ende überstehen liess, so dass der typische lange Beutel entstand. Schliessen aus Bronze oder Messing hielten die Buchdeckel zusammen und verhinderten, dass sich das Buch von selbst öffnete.

Beutelbücher waren bei Pilgern, Kaufleuten und Gelehrten beliebt. Man trug sie stets bei sich, und in der Kutsche oder bei der Rast hob man das am Gürtel baumelnde Buch hoch und las. Wie das Handy war das Beutelbuch ein Alltagsgegenstand und nutzte sich ab. In den Handschriftenabteilungen europäischer Bibliotheken sind heute nur noch 23 Exemplare zu finden.

Biedermeier

Biedermeier ist die Zeit zwischen Wiener Kongress 1815 und dem Revolutionsjahr 1848. Es sind Jahrzehnte der Unrast und der Armut im Gefolge der napoleonischen Kriege, die Europa regelrecht umgepflügt haben, und der elegante, historisierende Biedermeierstil ist Ausdruck der Flucht eines durchaus selbstbewussten, kunstsinnigen Bürgertums ins häusliche Familienidyll eines behaglichen Heims.

Der Name stammt tatsächlich aus der Kunst. Sein Ursprung ist die fiktive Figur des Gottlieb Biedermeier, anfänglich mit «ai», später dann mit «ei» geschrieben. Dieser Biedermeier war ein in seiner Freizeit dichtender Spiessbürger, dem

seine kleine Stube, sein enger Garten, sein unansehnlicher Flecken und das dürftige Los eines verachteten Dorfschulmeisters zu irdischer Glückseligkeit verhelfen.

Kurz: Biedermeier war der Inbegriff kleinbürgerlichen Miefs.

Erfunden haben ihn 1855 ein Jurist und ein Arzt, Ludwig Eichrodt und Adolf Kussmaul. Die beiden schrieben Gedichte für die Münchner Satirezeitschrift «Fliegende Blätter», in denen sie den Kleingeist der Zeit aufs Korn nahmen. Ihre Spottgedichte sind beissende Parodien auf die Pseudopoesie des realen Lehrers und Volksdichters Samuel Friedrich Sauter. Dessen Gedichte waren durchaus populär, aber kauzig und voller unfreiwilliger Komik.

Eichrodts und Kussmauls Satiren zeigten Wirkung, und ihr fiktiver Gottlieb Biedermeier begann sich zu verselbständigen. Ende des 19. Jahrhunderts wurde der Name erst zum Begriff der Kunst- und Architekturgeschichte, dann der Mode, und am Ende einer ganzen Epoche.