Feilschen

Ein Haus, eine Firma: Erfolgreiche Geschäftsleute feilschen, was das Zeug hält. Wie genau sie das anstellen, haben die Forscher Petri Hukkanen und Matti Keloharju wissenschaftlich untersucht. Ihr Rat: Bieten Sie niemals 1 Million oder 20 pro Aktie. Es zeigt sich nämlich, dass Ihr Partner einen niedrigeren Preis viel eher akzeptiert, wenn Sie ihm ein ganz präzises Angebot machen. Der Grund: Ein Geschäftspartner, mit genauen Zahlen konfrontiert, wird annehmen, dass Ihr Angebot auf Sachkenntnis und Berechnung beruht. Bieten Sie dagegen einen runden Betrag, wird man Ihnen unterstellen, vom Geschäft bloss eine vage Ahnung zu haben und bei harten Verhandlungen rasch in die Knie zu gehen.

Dass runde Zahlen beim Feilschen keine gute Sache sind, hatten Sozialpsychologen schon länger vermutet. Die beiden Ökonomen Hukkanen und Keloharju wollten es nun genau wissen. Sie nahmen Firmenübernahmen in den USA unter die Lupe, rund 2000 an der Zahl in der Zeit von 1985 bis 2012. Sie verglichen das allererste Angebot mit dem Endpreis – das verblüffende Ergebnis: Fast die Hälfte der Einstiegsgebote endete mit einer Doppelnull nach dem Komma. Diese runden Zahlen waren schlecht fürs Geschäft: Auf 5 Dollar gerundete Erstgebote führten nur selten zum Handschlag; in der Regel stieg der Preis im Lauf der Verhandlungen deutlich an. Bei exakten Beträgen dagegen – Erstgeboten, die sich auch durch 25 Cents nicht teilen liessen –, stieg der Preis im Durchschnitt nur noch um 6 Prozent.

Also: Legen Sie dem Gebrauchtwagenhändler nicht 20 000, sondern vielmehr 16 730 Franken auf den Tisch. Sie werden in Ihrem Traumauto wegfahren – und haben erst noch 3270 Franken gespart.

Filz

Am Anfang war das Feuer, und gleich danach war der Filz: Archäologen haben Reste von Wollfilz gefunden, der über 6000 Jahre alt ist und von Nomadenvölkern stammt, die Schafherden hielten. Gefilzt wurde womöglich schon viel früher – noch ältere Funde gibt es nur deshalb nicht, weil Tierhaar auch bei idealen Bedingungen irgendwann zerfällt.

Seit der Jungsteinzeit wird Filz auf genau dieselbe Weise hergestellt wie heute: Als erstes wird die geschorene Wolle gekämmt oder gekardet – das Wort stammt vom lateinischen carduus, «Distel», ab, weil zum Kämmen getrocknete Disteln verwendet wurden. Die längs ausgerichteten Fasern bilden ein dünnes Vlies, das mit anderen Vliesen zu einer losen Wollmatte kombiniert wird. Und dann wird gefilzt: Mit alkalischem Wasserdampf, Druck und kreisenden Bewegungen werden die Haarfasern zu sogenanntem Walkfilz verarbeitet. Seife, Feuchtigkeit und Hitze bewirken, dass sich die Schuppen der obersten Haarschicht abspreizen; maschinelles Kneten und Pressen sorgt dafür, dass sich die Haare gegenseitig immer stärker durchdringen. Die aufgestellten Schuppen verkeilen sich dabei so stark, dass sie nicht mehr voneinander zu trennen sind. Am Ende wird der Filz gewaschen, getrocknet und gebügelt.

Filz ist ein Wunderstoff: Er ist widerstandsfähig, dehnbar und schützt vor Schlägen. Er ist schallhemmend, wasserabweisend und saugfähig zugleich. Er schützt gegen Kälte und ist dabei quasi unbrennbar: Selbst bei Temperaturen von über 300 Grad wird der Filz nur verkohlen. Das einzige, was dem Filz zuleibe rückt, sind gefrässige Motten. Aber auch dagegen kennen die Menschen seit der Steinzeit ein probates Mittel: getrockneten Lavendel.

Folio

«Folio» kommt vom lateinischen in folio, «auf einem Blatt». Im Format namens «Folio» spiegelt sich die ganze Geschichte des Schreibens: Das Folioformat entsteht, wenn man einen Bogen einmal faltet und damit – «auf einem Blatt» – vier beschreibbare Seiten erhält. Wie gross dieses Blatt sein sollte, war im frühen Mittelalter recht beliebig. Geschrieben wurde mit Gänsekiel auf Pergament, das aus der Haut eines Kalbs, einer Ziege oder eines Schafs hergestellt wurde. «Folio» richtete sich ganz pragmatisch nach der Grösse des Tiers, dem man die Haut abgezogen hatte.

Das änderte sich mit der Verbreitung des Papiers – und ganz besonders im 15. Jahrhundert mit Johannes Gutenberg: Mit den ersten gedruckten Büchern, die man Inkunabeln nannte, wurde «Folio» zum Begriff für Bände mit einer Rückenhöhe von 32 bis 35 Zentimetern. Die Längenmasse aber waren oft von Stadt zu Stadt verschieden. Dazu kamen die unterschiedlichen Formate: Ein Bogen liess sich nämlich nicht nur einmal, sondern auch mehrmals falten – zweimal zum sogenannten Quartformat, oder dreimal zum Oktavformat. So entstanden aus einem Bogen gleich 8 oder gar 16 Seiten.

Die Vielfalt der Formate hatte einen gewichtigen Nachteil: Ordnete man die Bücher nach Autor oder Inhalt und nicht nach ihrer Grösse, ergab sich auf den Regalen ein wildes Durcheinander, und der knappe Raum in den Gestellen wurde denkbar schlecht genutzt. Preussische Bestrebungen im 19. Jahrhundert, die Buchformate zu normieren, blieben wenig erfolgreich, und heute werden bei der Katalogisierung ganz einfach Seitenzahl und Buchhöhe erfasst. Überlebt hat das Folioformat trotzdem: im Wort «Foliant» – für einen dicken Wälzer.

Gratis

Das Zauberwort lässt die Augen glänzen: «Gratis». Als Kind beim Metzger, wo es als Dreingabe eine Wurstscheibe gab, als junger Erwachsener dann die Brieftasche als Dank des Verlags fürs Zeitungsabonnement, heute gleich das Handy beim Abschluss des Zweijahresvertrags – noch immer heisst das Zauberwort «gratis».

So heisst es übrigens schon eine ganze Weile. Gratis stammt vom lateinischen gratia ab, Dank, und wurde im 16. Jahrhundert ins Deutsche entlehnt – in der Bedeutung «um des Dankes, nicht um der Belohnung willen». Solcherlei etymologische Raffinesse interessiert heute niemanden mehr. Gratis kostet nichts, und damit basta.

Das klingt zwar gut, ist aber kreuzfalsch. Denn «gratis» ist das womöglich bauernschlauste Geschäftsmodell der Welt. Wer ein Gratisprogramm aus dem Internet herunterlädt, will irgendwann mehr Funktionen haben und bezahlt die teure Vollversion. Wer sein Handy kostenlos erhält, bindet sich jahrelang an einen Anbieter und bezahlt brav seine hohen Gebühren. Und wer dankend das kostbare Werbegeschenk annimmt, bleibt der Firma noch lange als treuer und zahlender Kunde erhalten.

Freemium heisst das Modell auf Neuenglisch, auf Altdeutsch würde man es «Da-ist-ein-Haken-dran» nennen. Das Produkt oder der Dienst ist zwar unzweifelhaft gratis. Aber nur 30 Tage lang. Oder mit zuwenig Funktionen. Oder zu kleiner Kapazität. Oder ohne Support. Oder, besonders nett, nur der Kollege von nebenan hat’s gratis bekommen, danach war Schluss.

Freemium: Das war selbst beim Metzger der Kindheit nicht anders. Zweimal beim Einkaufen ein geschenktes Wurstrad für uns Kinder, beim dritten Mal dann die ganze Wurst auf dem Mittagstisch. Und die war alles andere als gratis.

Gutenberg, Johannes

Kennen Sie Henne Gensfleisch? Natürlich kennen Sie ihn. Nur vielleicht nicht unter diesem Namen, sondern als Johannes Gutenberg. Und «kennen» ist womöglich ein etwas starkes Wort, denn die Geschichte des Johannes Gutenberg liegt über weite Strecken im Dunkeln.

Alle wissen wir, dass Gutenberg ums Jahr 1450 den modernen Buchdruck erfunden hat. Nur ist das nicht ganz richtig. Das Verbreiten von Schrift mittels Hochdruck – mit einer Art von Stempeln aus Holz – gab es in China schon lange vor Christi Geburt. Was Gutenberg aber erfand, war das Drucken mit beweglichen Lettern, von der Legierung aus Zinn, Blei und Antimon bis hin zur Druckerpresse. Gutenberg war der Erfinder des modernen Druckprozesses, der, zum ersten Mal in der Geschichte, eine industrielle Herstellung von Büchern möglich machte.

Das ist sozusagen die öffentliche Seite Gutenbergs. Seine Person, sein Leben allerdings liegen weitgehend im Dunkeln; vieles ist Spekulation und Legende. Zum Beispiel sein Porträt: Der Kupferstich zeigt einen Herrn in mittleren Jahren, mit gepflegtem Kinnbart und strengem Blick. Das Porträt indes entstand erst lange nach Gutenbergs Tod – und ist pure Erfindung. Von seiner Kindheit in Mainz ist nichts bekannt, ein Studium in Erfurt wird vage vermutet. Belegt sind sein Beruf als Goldschmied und Spiegelmacher und – ganz im Verborgenen, weil Geschäftsgeheimnis – erste Drucke in Strassburg. Zurück in Mainz, entstand sein wichtigstes Werk: der Druck der Bibel, die ihn auf einen Schlag berühmt machte. Die Druckerei aber hatte Unsummen verschlungen – Geld, das sich Gutenberg vom reichen Kaufmann Johann Fust geliehen hatte. Skrupellose Rückforderungen und ein verlorener Prozess sollten Gutenberg bis zu seinem Tod 1468 ruinieren.

Johannes Gutenberg hinterliess Bücher, Schriften, Typen – und eine Erfindung, ohne die die moderne Geistesgeschichte nicht denkbar wäre.