Galvanisieren

Am 6. November 1780 macht Luigi Galvani eine makabre Entdeckung: Mit Eisen und Kupfer berührt er einen abgetrennten Froschschenkel, und der zuckt zusammen. Was es mit Elektronen und Elektrolyten auf sich hat, versteht Galvani zwar nicht die Spur, aber die tretenden Froschbeine faszinieren ihn aufs Höchste. Elektrische Spannung lässt sich schon lange erzeugen, doch wozu diese rätselhafte Energie gut ist, weiss niemand. Und auf einmal zuckt da ein toter Muskel. Also, folgert Galvani, muss Strom offenbar Leben spenden.

Mit wahrem Feuereifer macht sich die Medizin daran, diese wundersame Wiedererweckung der Toten zu erforschen. Praktischerweise führen die Ärzte ihre Experimente gleich an den Richtstätten durch. Soeben Hingerichteten werden Stromstösse versetzt, die Krämpfe werden gemessen, und das grausige Schauspiel zieht womöglich noch mehr Schaulustige an als zuvor die Hinrichtung selbst.

Lebendig wird keiner mehr. Das nach seinem Entdecker benannte «Galvanisieren» von Toten ist mehr Spekakel als Forschung und wird Anfang des 19. Jahrhunderts überall verboten. Doch mittlerweile wird Elektrizität längst an Lebenden erprobt: zur Behandlung von Nervenkrankheiten, von chronischen Schmerzen, von Schwermut.

Und so hält der Strom Einzug ins ärztliche Inventar. Der grausame Elektroschock, den Milos Forman 1975 in «One Flew Over the Cuckoos Nest» anprangerte, ist zwar Vergangenheit. Aber noch immer wird mit Strom behandelt: Die moderne Elektrokrampftherapie soll schwer depressiven Menschen helfen. Mit Luigi Galvanis zuckenden Froschbeinen hat diese Therapie nichts mehr zu tun: Behandelt wird nach allen Regeln der Kunst – und unter Narkose.

Schreibmaschine, elektrische

7. Mai 1957: Die Hannover-Messe öffnete ihre Tore. In der Fachausstellung für Büromaschinen, der Mutter der heutigen CeBIT, stand der Star der Messe: die erste elektrische Schreibmaschine. Mechanische Schreibmaschinen gab es zwar schon seit Beginn des 19. Jahrhunderts, und längst hatte der harte Anschlag das einstige Kratzen der Federkiele verdrängt.

Elektrische Schreibmaschine
Tippen war harte Arbeit: Eine Sekretärin, die pro Tag 100’000 Anschläge schaffte, drückte ein Gesamtgewicht von 6 Tonnen. Dass in Hannover nun ein Gerät präsentiert wurde, in dem ein Elektromotor die anstrengende Tipperei erledigte, verhiess Komfort und Effizienz.

Doch auch wenn sie zur Ikone der Geschäftswelt werden sollte: diese elektrische Schreibmaschine war bei weitem nicht die erste. Die hatte schon 1902 in Erie, Pennsylvania, der Erfinder George C. Blickensderfer entwickelt: die «Blick’s Electric». Sie war ein Wunder ihrer Zeit – und von Haus aus mit der so genannten «wissenschaftlichen» Tastatur versehen: Die im Englischen häufigsten Buchstaben D-H-I-A-T-E-N-S-O-R fanden sich auf der untersten Tastenreihe, wo sie der Schreiberin am nächsten waren. Das heutige Tastenlayout Q-W-E-R-T-Y hatte die Firma zwar auch auf Lager, riet aber streng davon ab.

Die «Blick’s Electric» mit ihrem wuchtigen, gusseisernen Rahmen konnte schon alles, was 60 Jahre später die legendäre Kugelkopf-Schreibmaschine «Selectric» von IBM auch konnte. Nur erfolgreich war sie nicht. Aber das lag weniger an der Maschine als vielmehr am Umstand, dass es in den Büros von 1902 etwas Entscheidendes noch gar nicht gab: elektrischen Strom.

Tschernobyl

Es ist still in Pripjat, jener Geisterstadt nördlich von Kiew, in der Ukraine, nahe der Grenze zu Weissrussland. Totenstill. Erst 1970 – zusammen mit dem Kernkraftwerk Tschernobyl – für die Arbeiter und ihre Familien gebaut, wurde Pripjat in den letzten Apriltagen 1986 vollständig geräumt.

Denn kurz zuvor, am 26. April, war Block 4 des Kraftwerks nach einer missglückten Notfallübung des Chefingenieurs Anatoli Djatlow «instabil» geworden, wie es hiess. Noch während der Turbinenmeister den Nachlauf der gewaltigen Lager prüfte, setzte im Reaktorraum eine Kernschmelze ein. Die diensthabenden Techniker bemerkten die Kettenreaktion Augenblicke zu spät, die über dem Uran hängenden Steuerstäbe klemmten im sich bereits verformenden Reaktor. Unterhalb des Betondecke bildeten sich grosse Mengen von Wasserstoffgas, eine gewaltige Explosion zerriss das Gebäude und setzte die Graphitbeschichtung in Brand, während sich der schmelzende Reaktorkern langsam in die Tiefe frass. Tagelang wüteten schwere Brände, die mit Bor, aus Helikoptern abgeworfen, mit Blei, Dolomit, Sand und Lehm, von so genannten «Liquidatoren» herbeigeschafft, erstickt werden sollten.

Bis zu 800 000 Aufräumarbeiter waren es, die die Hinterlassenschaft einer der grössten technologischen Katastrophen unserer Zeit beseitigen sollten. 1000 von ihnen wurden allein am ersten Tag tödlich verstrahlt; wieviele genau geopfert wurden, bleibt bis heute geheim.

Die Arbeiterfamilien in der Kraftwerksstadt Pripjat wurden innert Stunden aus ihren Wohnungen, die Kinder aus Schulen und Kindergärten geholt, in Busse verfrachtet und evakuiert. Noch jahrelang wurden die leeren Gebäude mit Abwärme der verbleibenden Tschernobyl-Reaktoren weiter beheizt – wenn sie verfallen, wird ihr Staub über das fruchtbare Land wehen und den Boden weiter verstrahlen.