Alle Beiträge von twb

Kohlepapier

Im Mittelalter war der Kopist ein gefragter Mann: Sein Platz war das Skriptorium des Klosters, und seine Aufgabe war das Abschreiben kirchlicher und wissenschaftlicher Manuskripte, Wort für Wort, Band für Band. Die Erfindung des Buchdrucks war zwar der Anfang vom Ende dieses Handwerks, doch der Bedarf nach Copy & Paste blieb. Eine unscheinbare, aber ungemein effiziente Erfindung schuf Abhilfe: das Kohlepapier.

Kohlepapier besteht aus einer ursprünglich mit Kohlestaub belegten Folie, die zwischen Original und Doppel gelegt wurde. Der von Kugelschreiber oder Schreibmaschine erzeugte Druck presste die Kohle auf das darunter liegende Blatt. War die Folie ganz besonders dünn, liessen sich auf einen Schlag gleich mehrere Kopien herstellen. Aber es gab auch Nachteile: Der Druck einer Feder war für einen Durchschlag zu gering; schlich sich ein Fehler ein, musste er auf jeder einzelnen Kopie korrigiert werden, und einmal mit dem Finger darübergewischt, war die Kohleschrift verschmiert. Moderne Durchschlagspapiere enthalten daher keine Kohle mehr, sondern mikroskopisch kleine Farbkapseln, die auf Druck zerplatzen.

So patent die Erfindung auch war: Einen einzelnen Erfinder gibt es nicht, auch wenn zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Italien und England erste Durchschlagspapiere patentiert wurden. Selbst im Digitalzeitalter, 200 Jahre später, gibt es das Kohlepapier immer noch – als Produkt einiger letzter Hersteller und als E-Mail-Abkürzung «Cc», für carbon copy, auf Deutsch «Kohlekopie».

Theaterdonner

Der sogenannte «Theaterdonner» gehört seit jeher zur Geräuschkulisse der internationalen Politik. Er ist eine martialische Drohung, die in erster Linie fürs einheimische Publikum gedacht, aber nicht wirklich ernst gemeint ist – dem Polterer geht es darum, als starker Mann dazustehen, ohne das Risiko eines echten Konflikts eingehen zu müssen.

Die Bretter, die die Welt bedeuten: Das Theater war immer schon eine Illusionsmaschine. Der grosse griechische Ingenieur Archimedes von Syrakus oder der erste Automatenbauer der Geschichte, Heron von Alexandria, dachten sich komplizierte Hebekräne und Spezialeffekte für die Bühne aus. Deren Krönung war seit jeher das Gewitter: Der Klang von Regen wurde mit einer lederbespannten und mit getrockneten Linsen gefüllten Walze erzeugt, der Einschlag eines Blitzes mit herabfallenden, flach aufschlagenden Brettern oder mit Schiesspulver. Ganz besonders erfinderisch machte der Donner: Mächtige, mit Fäusten bearbeitete Donnerbleche; mit Steinen gefüllte Fässer oder schwere Eisenkugeln, die auf dem Schnürboden hin und her gerollt wurden; schwer beladene Donnerwagen mit kantigen Rädern; Donnerrinnen, durch die Steine in die Tiefe polterten; Donnerpauken, deren Fell mit Kies belegt war, damit der Donner auch ordentlich nachgrollte. Um 1800 wurde gar eine eigentliche Donnermechanik erfunden, die mit Filz bespannte Zahnräder über einen Resonanzboden laufen liess.

Ob Politik oder Theater – so täuschend echt Theaterdonner auch grollen mag: Er grollt stets zum Schein.

Vespasienne

Vespasian, mit vollem Namen Titus Flavius Vespasianus, war Machtmensch, Politiker, General, loyaler Gefolgsmann Neros und wurde, nach dessen Selbstmord im Jahr 68 n. Chr., durch geschicktes Taktieren und Paktieren Kaiser von Rom. Realpolitiker, der er war, wusste er, dass seine Herrschaft vom Pegel der Staatskasse abhängen würde. Zu viele Kollegen, vom einfachen Senator bis hoch zum Kaiser, hatte er an leeren Kassen scheitern sehen. Not macht erfinderisch: Damit ihm nicht Gleiches widerführe – und weil Nero einen riesigen Schuldenberg hinterlassen hatte –, dachte sich Vespasian eine Latrinensteuer aus. In Rom war menschlicher Urin, so unappetitlich das klingen mag, ausgesprochen begehrt: Das darin enthaltene alkalische Ammoniak wurde für das Gerben von Leder und sogar für die Wäschereinigung gebraucht. Entlang belebter Strassen der Stadt wurden daher Amphoren aufgestellt, die von Gerbern und Wäschern täglich geleert wurden und deren Benutzung auf Anordnung des Kaisers ab sofort steuerpflichtig werden sollte.

Der römische Geschichtsschreiber Sueton berichtet, dass Vespasians Sohn Titus an dieser Steuer wenig Gefallen fand. Als er dagegen aufbegehrte, hielt ihm Vespasian eine Handvoll Sesterzen unter die Nase und fragte:

Stört dich der Geruch?

Als Titus verneinte, befand der Vater barsch:

Und doch kommt es von der Pisse.

In verkürzter Form – pecunia non olet, «Geld stinkt nicht» – fand das Diktum Eingang in den abendländischen Zitatenschatz, und bis heute nennt man in Frankreich die männliche Stehtoilette vespasienne, als dunkle Erinnerung an römische Latrinen und einen gerissenen Kaiser.

Stewi

Der Stewi ist ein Stück Schweiz. Nur: Wer hat’s erfunden? Nein: Nicht die Schweizer. Seinen ersten Auftritt hat der Stewi (so heisst er übrigens nur in der Schweiz; in Deutschland ist das ein Wäscheschirm oder eine Wäschespinne) in einer britischen Patentschrift von 1923. Ausgeheckt haben ihn die beiden Ingenieure Frederick Fairbourn und William Stevenson. Bis anhin pflegte man die Wäsche an fest montierten Gestellen mit langen Leinen aufzuhängen, was nicht nur mit einiger Laufarbeit verbunden ist, sondern auch viel Platz braucht. Das futuristische Gerät namens Rotary Folding Clothes Dryer ist anders: Es lässt sich drehen, so dass man beim Aufhängen an Ort und Stelle stehenbleiben kann, und ist die Wäsche einmal trocken, lässt sich der Schirm ruckzuck zusammenklappen, aus der Halterung ziehen und wegräumen.

Seinen Namen verdankt der Stewi dem findigen Schweizer Unternehmer Walter Steiner. 1947 beginnt der 26-Jährige in einem Anbau des elterlichen Wohnhauses in Winterthur-Töss, nach britischem Vorbild Klappschirme zu bauen – die ersten Modelle noch aus Holz und mit einer Wäscheleine aus Hanf. Sein Unternehmen nennt er Stewi (aus «Steiner» und «Winterthur»), und sein Ziel ist es, «der Hausfrau die Arbeit so einfach wie möglich zu machen», wie er sagt. Steiners Taktik ist clever: Kunden, die an viel befahrenen Strassen oder Bahnlinien wohnen, bekommen Rabatt. Die modernen Gestelle mit ihren keck ausgestreckten Armen erregen Aufsehen und werden immer öfter gekauft. Aus der Werkstatt wird eine Firma, aus dem Tüftler ein Patron – und aus der britischen Wäschespinne der Schweizer Stewi, der noch heute in jedem zweiten Garten steht.

Inflationsziel

Das Papier, das 2010 in Washington erschien, barg Zunder. Sein Autor Olivier Blanchard, damals Chefökonom des Internationalen Währungsfonds, dachte laut darüber nach, ob es nicht sinnvoll wäre, dass sich Notenbanken in guten Zeiten ein Inflationsziel von 4 Prozent setzen sollten. Im Klartext: Notenbanken sollten darauf abzielen, dass ein Dollar jährlich 4 Prozent an Wert verlöre, in 17 Jahren immerhin die Hälfte seines Werts. Ein Aufschrei war die Folge.

Das Ziel jeder Notenbank ist es, die Preise stabil zu halten. Eine Marktwirtschaft, ja der soziale Friede eines Landes hängen davon ab, dass Geld seinen Wert behält. In den Augen der Notenbanken aber heisst «Preisstabilität» nicht ein Nullwachstum, sondern vielmehr ein sachtes Ansteigen. Die Schweizerische Nationalbank, die Europäische Zentralbank und das Amerikanische Fed verfolgen unisono das Ziel eines Preisanstiegs von bis zu 2 Prozent. Die Entrüstung, die Blanchard entgegenschlug, war der vorgeschlagenen Höhe dieses Anstiegs geschuldet – bei den in Bern, Frankfurt und Washington salonfähigen 2 Prozent dauert die Halbwertszeit eines Dollars immerhin 34 Jahre.

Inflation, in Massen genossen, schmiert die Wirtschaft. Arbeitgeber profitieren, weil die Reallöhne sinken, ohne dass die Nominallöhne gekürzt werden müssten. Wenn ein Gut morgen mehr kostet als heute, wird es eher früher gekauft als später. Bei 0 Prozent Inflation fehlen diese Anreize, und im Fall einer Deflation, wenn die Preise allgemein fallen, werden Käufe in die Zukunft verschoben, weil sie dann günstiger sind. Eine geplante Inflation – ob von zaghaften 2 oder forschen 4 Prozent – ist daher vor allem eine geldpolitischer Spielraum, der eine blühende Wirtschaft vor dem Welken schützen soll.