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Abrakadabra

Das Gedicht, das der römische Arzt und Autor Quintus Serenus zwischen dem 2. und 4. Jahrhundert n. Chr. schrieb, ist viele, viele Verse lang. In 1115 formvollendeten Hexametern beschreibt es beliebte Heilmittel gegen Krankheiten aller Art. Kapitel 52 etwa behandelt die Malaria.

Einschreiben sollst du auf ein Blatt das so genannte Abracadabra und es öfter und unterhalb wiederholen, aber ziehe von dem Obersten ab, und mehr und mehr einzelne Elemente sollen den Figuren fehlen, die du jeweils wegnimmst; das Übrige sollst du gestalten, bis ein Kegel durch einen Buchstaben zur Enge geführt ist.

Das Erklärschema steht gleich daneben: Abrakadabra, soll man schreiben, danach Abrakadabr, dann Abrakadab, Abrakada, Abrakad – immer ein Laut weniger, bis hin zu einem letzten A. Dieses Schema, als Talisman um den Hals getragen, soll das Fieber vertreiben.

In der Antike war medizinische Hilfe öfter in Büchern zu finden als anderswo: Apotheken gab es nicht, Ärzte nur wenige, und die waren nicht immer gut ausgebildet. So wurde Serenus‘ Lehrgedicht bis ins späte Mittelalter eifrig gelesen und befolgt.

Anders als die Formel Hokuspokus aber ist Abrakadabra noch viel älter. Sie stammt, so nehmen Sprachforscher an, aus dem Aramäischen, wo sie «es vergeht wie das Wort» bedeutet. Klinischen Tests würde der Schwundzauber vermutlich nicht standhalten. Und dennoch: Wo Zaubern unterrichtet wird, steht Abrakadabra bis heute im Lehrplan. An der Zauberschule Hogwarts nämlich lernt Harry Potter, dass es einen Fluch gibt, der zaubereigesetzlich strengstens verboten ist: Avada Kedavra – der Fluch, der Lebewesen auf der Stelle tötet.

Notaphon

Achtung, Achtung, hier Notaphon, Name und Adresse des Teilnehmers, sprechen Sie bitte jetzt.

Wer 1946 den deutschen Erfinder Willy Müller und dessen Firma Phonova AG in Küsnacht am Zürichsee anruft, hört die Nachricht eines der ersten Anrufbeantworter der Schweiz. Das neue Gerät, ein sogenannter «Telephonograph», ist der Neuen Zürcher Zeitung eine volle Seite wert. Tatsächlich gibt es einiges zu erklären:

Bei Abwesenheit des angerufenen Telephonteilnehmers schaltet sich der vollautomatische Telephonograph ein, nimmt die Meldung entgegen und spricht diese später dem Angerufenen zu, gleichgültig nach welcher Telephonstation der Welt.

Das «Notaphon», wie das Gerät heisst, ist zwar nicht der erste Anrufbeantworter der Welt, aber der bisher kleinste. Es hat die Masse und das Gewicht eines der damaligen Röhrenradios, und in seinem Inneren dreht sich eine 32 Zentimeter grosse Magnettonplatte, eine halbe Stunde lang aufzeichnen kann – ein technischer Durchbruch. Die über zwei Dutzend Regler, Tasten und Lämpchen setzen ein gründliches Handbuchstudium voraus. Und schon 1946 hat der Datenschutz oberste Priorität: Das Gerät lässt sich nur mit Schloss und Schlüssel entsperren, und will man die Nachrichten aus der Ferne und per Telefon abhören, horcht eine Funktion namens «Geheimschloss» auf ein Passwort aus gesprochenen Vokalen.

Das Notaphon,

jubelt 1948 die Militärzeitschrift «Pionier»,

ist ein Präzisionsgerät voller Eleganz, das durch seinen geringen Platzbedarf und seine Betriebssicherheit den Anforderungen an das moderne Leben ganz und gar entspricht.

Fokussierungs-Illusion

Sind Menschen, die im sonnigen Kalifornien leben, glücklicher? Diese Frage stellten 1998 zwei amerikanische Forscher, David Schkade und Daniel Kahneman, 2000 amerikanischen Studentinnen und Studenten an Universitäten in Michigan und Ohio und in Kalifornien. Die Antwort lautete: Ja, Menschen in Kalifornien sind glücklicher, wegen der atemberaubenden Natur, dem Kulturangebot und dem milden Klima. Der Haken aber war der: Fragte man nach der eigenen aktuellen Lebenszufriedenheit, ergaben sich keine Unterschiede mehr. Die Studierenden in Kalifornien bezeichneten sich im Vergleich zu ihren Kommilitonen im Mittelwesten als kein bisschen glücklicher. Das grosse Glück an der sonnigen Westküste ist ein Ergebnis der sogenannten focusing illusion.

Die Fokussierungs-Illusion ist sozusagen die wissenschaftlich fundierte Version des Märchens vom «Hans im Glück»: Als Lohn für sieben lange Jahre Arbeit erhält Hans einen grossen Klumpen Gold. Den zu tragen, ist beschwerlich, weshalb sich Hans im Tausch dafür erst ein Pferd aufschwatzen lässt, dafür dann eine Kuh, ein Schwein, eine Gans, am Ende einen Schleifstein. Jedesmal erliegt Hans der Fokussierungs-Illusion und begehrt das, was er gerade nicht hat.

Wenn wir uns auf deutlich erkennbare Unterschiede konzentrieren, auf Geld oder Luxusgüter, dann werden wir leicht Opfer einer kognitiven Verzerrung. Was wir nicht besitzen, erscheint uns begehrenswerter, weil wir damit eine gesteigerte Lebenszufriedenheit verbinden. Zögen wir tatsächlich nach Kalifornien, würden wir das milde Wetter geniessen, kein Zweifel. Doch schon ein Jahr später wäre unser gesamtes Lebensglück um kein Quentchen grösser geworden.

Freitag, schwarzer

Es ist Donnerstag, der 24. Oktober 1929. Der Börsenhandel in New York beginnt erstaunlich ruhig. Die Stimmung ist angespannt, die Polizei hat vorsorglich ganze Strassenzüge rund um die Wall Street abgesperrt. Am Dienstag und Mittwoch sind die Kurse ins Rutschen geraten, und im Grunde ist vielen Anlegern seit langem klar, dass der Rausch der goldenen Zwanzigerjahre nicht ewig weitergehen kann. «Ich habe erlebt, wie Schuhputzer Aktien im Wert von 50 000 Dollar kauften, mit nur 500 Dollar in bar», notiert ein Händler. Eine gigantische Blase aus grenzenloser Zuversicht, finanziert auf Pump.

Sie platzt kurz vor 11 Uhr – ohne erkennbaren Grund. Die Nachricht vom Bankrott eines Londoner Financiers macht die Händler nervös. Winston Churchill ist selber Spekulant und an diesem Tag als britischer Schatzkanzler an der Wall Street zu Gast. Er erlebt hautnah, wie die Panik ausbricht. In seinen Memoiren schreibt er später:

Da liefen also die Händler hin und her. Sie sahen aus wie die Zeitlupenaufnahme eines aufgeschreckten Ameisenhaufens und boten einander riesige Mengen an Papieren an, zu einem Drittel des Preises und nur um festzustellen, dass keiner den Mut fand, die einmalige Gelegenheit zu ergreifen, ein Vermögen zu machen.

Die Kurse sind im freien Fall; bis 13 Uhr sind elf Milliarden Dollar vernichtet; in zwei Stunden sind elf Milliarden Dollar vernichtet, 1,5 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung der USA. Massive Stützkäufe führender Banken können den Absturz nur verzögern, und am folgenden Tag, dem «schwarzen Freitag», erreicht die Börsenpanik Europa.

Mehr als zwei Jahre lang fällt der Dow-Jones weiter und weiter, von gegen 400 Punkten vor dem Crash auf ein Tief von nur noch 41 Punkten im Juli 1932. Sieben Jahre lang hält die Wirtschaftskrise die Welt im Griff.

Normalverbraucher, Otto

Er ist kein sehr anziehender Genosse. Er hat keine besonderen Ansprüche. Er nicht besonders klug und nicht besonders dumm. Er hat weder Ecken noch Kanten. Er ist der personifizierte Durchschnitt.

Sein Name: Normalverbraucher, Vorname Otto. Otto ist Kriegsheimkehrer, der vergeblich versucht hat, sich vor der Einberufung in die Wehrmacht zu drücken und der sich, nach seiner Entlassung, im Deutschland des Jahres 1948 nicht mehr zurechtfindet. Denn: Otto Normalverbraucher, gespielt vom jungen Gert Fröbe, ist zwar nicht der Held – dafür ist er viel zu mittelmässig –, aber doch die Hauptfigur im Film «Berliner Ballade», einer gewagten Mischung aus expressionistischem Schwank und Science-Fiction-Satire. Die «Berliner Ballade» – eine der ersten Produktionen nach dem Zweiten Weltkrieg und gedreht an Originalschauplätzen im zerbombten Berlin –, karikiert die überbordende Bürokratie (ohne Zuzugsgenehmigung keine Aufenthaltsbewilligung, ohne Arbeitsbescheinigung keine Zuzugsgenehmigung, ohne Zuzugsgenehmigung keine Arbeitsbescheinigung), und das Leben mit dem allgegenwärtigen Mangel an Arbeit, an Essen und an Menschlichkeit.

Der Name «Normalverbraucher» war keine Erfindung des Drehbuchautors, sondern schon seit Kriegsausbruch bestes Beamtendeutsch: Die Ausgabe der Lebensmittelkarten, ohne die nichts mehr ging, folgte einem ausgeklügelten System. Am meisten erhielten die «Schwerstarbeiter», am wenigsten die «Normalverbraucher». Heute ist Otto Normalverbraucher, ebenso wie Kollege Max Mustermann, ganz einfach Inbegriff der Norm: Sprichwörtliches Mittelmass.