PacMan

«PacMan» hat Jahrgang 1980 und ist ein gelber Kreis mit einem nach rechts geöffneten, dreieckigen Mund. Und er ist ein gefrässiger Kerl. Er frisst kleine rosa Punkte und vor allem, bei geschicktem Spielen, eines der vier bunten Gespenster, die ihm auf die Pelle rücken.

PacMan

Und vor allem frass er, ratzeputz, das Taschengeld einer ganzen Generation. Bis Ende der 1990-er Jahre spielte PacMan allein in den USA 2,5 Milliarden Dollar ein – in 25-Cent-Münzen, die man gegen jeweils drei PacMan-Leben tauschte. PacMan war ein Videogame. 1980, als die Wissenschaft noch mit dem ersten Personalcomputer schwanger ging und an ein Web noch nicht zu denken war, war das ein schrankgrosser Kasten mit einem gewölbten Bildschirm, einem Joystick zum Steuern des gefrässigen Protagonisten und, eben, einem nicht minder gefrässigen Münzeinwurf.

Dabei sah es im Mai 1980 so aus, als wäre das neue Videogame des japanischen Herstellers Namco ein Flop. Die Spielhallen der aufgehenden Sonne liebten «Space Invaders» oder «Asteroids» und liessen den schmatzenden Punkt beinah verhungern. Auch amerikanische Marketingleute übersahen das an einer Messe vorgestellte Game komplett. Bis einige wenige Spielsalons aufs Geratewohl Namcos Neuling orderten – und vom Andrang eines restlos begeisterten Publikums förmlich überrannt wurden.

PacMan zählt heute zu den wichtigsten Spielen der Computergeschichte und ist nicht mehr einfach ein Game, sondern Mitbegründer einer neuen Kunstgattung. Zu finden ist PacMan heute auf dem Spartphone, im Web – und, zusammen mit 13 weiteren Games, im Museum of Modern Art in New York.

Pangäa

Vor 200 Millionen Jahren war der Atlantik noch ein See, Marokko grenzte an Kanada, und die Schweiz lag am Meer. Und Kontinente gab es nicht.

Oder besser: Es gab nur einen einzigen Kontinent. Im hohen Norden lag China, im Osten Iran, im Westen Mexiko, ganz im Süden Neuseeland – oder zumindest die Landmassen, die wir heute als Länder kennen. Dass der Osten Südamerikas auf Afrikas Westen passt wie ein Puzzleteil aufs andere, fiel Kartografen schon im 16. Jahrhundert auf. Das ging auch dem deutschen Geowissenschaftler Alfred Wegener so:

Die erste Idee der Kontinentverschiebungen kam mir bereits im Jahre 1910 bei der Betrachtung der Weltkarte unter dem unmittelbaren Eindruck von der Kongruenz der atlantischen Küsten, ich ließ sie aber zunächst unbeachtet, weil ich sie für unwahrscheinlich hielt.

Aber: Immer mehr geologische und erdgeschichtliche Befunde legten nahe, dass alle Erdteile einmal zu einem urzeitlichen Riesenkontinent gehört haben müssen, bevor dieser durch langsame Bewegung, die «Drift», in einzelne Teile zerbrach. Die Theorie dieser einen Rieseninsel im erdumspannenden Ozean formulierte Wegener zum ersten Mal in zwei Vorträgen 1912; den Superkontinent nannte er «Pangäa» – von pan, dem griechischen Wort für «ganz», und gaia, der poetischen Bezeichnung für «Land».

Dessen Überreste liegen bis heute buchstäblich unter unseren Füssen: In Gesteinsschichten des Monte San Giorgio im Tessin, einst eine Meereslagune, liegen die Skelette Abertausender Schwimmsaurier, die einst Pangäa bevölkert haben.

Panik

Zu Hunderten bevölkerten die Götter den Olymp, doch auch sie wurden zuweilen vom Teufel geritten. Davon erzählen lustvoll die Sagen der griechische Mythologie. Einer dieser Götter war der Wald- und Hirtengott Pan, der Sohn des Hermes und einer Nymphe. Weil klein Pan mit Hörnern, Hufen und einem Bart zur Welt kam, setzte ihn seine entsetzte Mutter kurzerhand aus. Halb Mensch, halb Ziegenbock – auf dem Olymp fand Pan keinen Platz, so dass er mit Arkadien vorlieb nehmen musste.

So göttlich seine Abstammung, so teuflisch seine Anwandlungen. Aus purer Niedertracht und in der glühenden Stille des Mittags, so will es die Sage, pflegte Pan mit einem lauten Schrei ganze Herden in Angst und Schrecken zu versetzen und in eine zügellose Flucht zu jagen. «Panisch» heisst denn auch nichts anderes als «dem Hirtengott Pan gleich», und über das griechische Adjektiv «panikós» und das französische «panique» ist der panische Schreck im 18. Jahrhundert auch in deutsche Auen eingefallen. Dabei erschreckt Pan durchaus auch Herden im übertragenen Sinn: «Ein panisches Schrecken bemächtigte sich aller Zuhörer», schildert Karl Philipp Moritz in seinem Roman «Anton Reiser» 1785 die Wirkung, die der wortgewaltige Pastor Paulmann mit seiner donnernden Predigt erzielt. Das psychologische Phänomen, das wir heute unter Panik verstehen, beschreibt Detlev von Liliencron präzise in einem Gedicht von 1903:

Es hält nicht länger die Gesellschaft fest,
Ein Hasten, Schieben, Schubsen, Stossen, Schrein,
Panik und Flucht aus dem verfluchten Nest,
Ein jeder will der erste draussen sein.

Bedrängnis und Beklemmung sind tatsächlich der Ursprung aller Angst: «Angst» allerdings heisst schon seit Jahrtausenden so und stammt nicht von Göttern ab, sondern vom indogermanischen Wort für «eng».

Panorama

Thun, 1809: Der junge Mann, das Gesicht voller Rasierschaum, setzt gerade das Rasiermesser an. Nebenan flicht eine Frau ihr Haar, derweil ihr die Magd das Schürzenband zu einer Schleife bindet. Es sind zwei von zahllosen Details auf einem gigantischen, über die Massen realistischen Gemälde, das uns einen Augenblick im Alltag des Städtchens vor Augen führt. Gigantisch, in der Tat: Das 360-Grad-Panoramabild, vom Basler Marquard Wocher gemalt, ist 7,5 Meter hoch und sage und schreibe 38 Meter breit. In einem eigenen Rundbau in Thun ausgestellt, bietet es einen atemberaubenden Blick über Schloss, Alpenkette und Umland und lässt den Betrachter in belebte Gassen und gar in die Fenster blicken. Die perfekte Illusion.

Es war kein geringes Wagnis, das Wocher auf sich nahm. Der Aufwand war enorm: Auf einem Dach hatte er sich eine hölzerne Plattform bauen lassen, von der aus er Unmengen von Skizzen anfertigte. Zurück in Basel, malte er fünf Jahre lang, ohne jede Hilfe, das grösste Bild seines Lebens.

Das gemalte Panorama ist ein Kind der industriellen Revolution und ein Massenmedium der ersten Stunde. Das aufstrebende Bürgertum suchte Unterhaltung und Illusion. Reisen war kaum erschwinglich, und Rundum-Panoramen machten es möglich, Unerreichbares zu erleben. Besonders beliebt war Geschichte: Von den fünf erhaltenen Panoramen der Schweiz zeigt eines die Schlacht bei Murten 1476, ein anderes den Grenzübertritt der 87 000 Soldaten der Bourbaki-Armee im Jura 1871.

Das beschauliche Thun-Panorama konnte da nicht mithalten. Eine Weile in Basel ausgestellt, fand es trotz Publikumserfolgen am Ende keinen Käufer. Maler Wocher starb 1830 in bitterer Armut.

Papier

Geduld, endlose Geduld: Sie ist die wohl wichtigste Fähigkeit des Papiers. Seit Jahrtausenden erträgt Papier, was Menschen kritzeln, malen, schreiben. Und was längst nicht immer für die Ewigkeit gedacht und gemacht ist.

Papier allerdings ist es wohl: Es wurde im ersten Jahrhundert nach Christus in China entwickelt. Aber die Schreibunterlage dieses Namens ist viel älter: Sie hat ihren Ursprung im 3. Jahrtausend vor Christus, bei den alten Ägyptern. Papyrus wurde aus der gleichnamigen Pflanze hergestellt, jenem bis zu drei Meter hohen Gras, das den Menschen heilig war, weil sein Stängel im Querschnitt dreieckig ist und an eine Pyramide erinnert, ein Symbol für Ewigkeit. Das Papyrusmark wurde in dünne Streifen geschnitten, kreuzweise übereinandergelegt, gepresst und geklopft. Vom klebrigen Saft zusammengehalten, ergab das Bogen von Ur-Papier. Dieses wurde mit einem Spezialleim satiniert und zu Rollen verleimt.

Papyrus war teuer, zu teuer – für die Hieroglyphenkritzeleien der Schulkinder oder die Mannschaftslisten der Baumeister mussten Tonscherben reichen. Einen ganzen Brunnenschacht mit solchen vollgekritzelten Scherben fanden Forscher in der Nähe des Tals der Könige, wo Heerscharen von Arbeitern vor dreieinhalbtausend Jahren in glühender Wüstenhitze die Pharaonengräber in den Fels schlugen. Die Archäologen fanden heraus: Nur was wirklich wichtig war, wurde am Ende des Tages auf Papyrusrollen übertragen.

Und weil schon damals die Könige für sich in Anspruch nahmen, für alles wirklich Wichtige zuständig zu sein, unterstand die Papierfabrikation einem königlichen Monopol. Genau das sagt auch der Name: Papier. Das Wort kommt vom ägyptischen pa-per-aa, und das heisst ungefähr soviel wie «was dem Pharao gehört».